Montag, 25. Januar: Erfreulich sonnig

Lebenszeit ist viel zu kostbar, um sie in Telefon-Warteschleifen zu verplempern. Noch dazu an einem Montagmorgen. Aber manchmal geht’s halt nicht anders. Und heute ist   manchmal.
Die Ansagestimme weist mich auf eine Wartezeit von bis zu 30 Minuten hin. Also gut, nützt ja nix. Wenigstens habe ich ein Buch und eine feine Tasse Kaffee.
Zwei Minuten später meldet sich der Sachbearbeiter. Vor lauter Schreck fällt mir beinahe das Buch hin. Der Mann ist freundlich, kompetent und der komplizierte Sachverhalt schreckt ihn nicht im Geringsten.
Nach fünf Minuten bietet er mir den Rückruf eines Technikers an. Der mich weniger als zwei Minuten später auch tatsächlich anruft – um mir mitzuteilen, es sei schon alles erledigt. Ob ich es gleich mal überprüfen wolle? Er bliebe solange in der Leitung.
Potzblitz!, pflegte meine Oma zu rufen, wenn sie freudig überrascht war. Potzblitz!, murmele ich vor mich hin. Sogar mein Kaffee ist noch heiß.
Wir erledigen Ihren Auftrag – genießen Sie Ihren Kaffee. Wäre das nicht ein guter Werbeslogan?

 

Samstag, 23. Januar: Winterschlaf wäre nicht schlecht

Es gibt Tage, die sind früh am Morgen schon schwer wie Blei. Beim Blick aus dem Fenster passt sich die Stimmung den Außentemperaturen an: minus 3 Grad, gefühlt minus 10. Dichter Nebel draußen. Dichter Nebel auf der Seele.
Der Wochenendeinkauf erledigt sich nicht von allein. Jeder Autofahrer und jeder Fußgänger hat schlechte Laune. Die Ampeln scheinbar auch. Sie sind noch länger rot als sonst.
In der Fußgängerzone höre ich Musik. Sicher irgendein kaufanregendes Gute-Laune-Gedudel. Nein. Falsch. Da wird eine Geige gestimmt. Eine Geige?!
Tatsächlich. Der Mann, der sie stimmt, ist sehr groß und unter den vielen Schichten Kleidung  sehr dünn. Seine roten Halbfingerhandschuhe haben Löcher. Er lächelt, wie ich seit langer Zeit niemanden habe lächeln sehen.
Dann tragen die Nebelschwaden die ersten Töne von Que sera sera durch die Innenstadt. Plötzlich ist es hell. Und warm.
Eine alte Frau geht an mir vorbei. Sie zieht einen Einkaufstrolley und singt leise Whatever will be will be.
Ich gehe in die nächste Bäckerei und kaufe einen großen Becher Kakao. Noch Tage später freue ich mich über das Dankeschön-Lächeln des Geigenspielers.

 

 

Dienstag, 15. Dezember 2015: Weiter für die Jahreszeit zu warm

Man kann nie vorsichtig genug sein.
Das scheint das Motto der Bank zu sein, bei der ich mein Geschäftskonto eröffnen möchte. Ist es naiv zu glauben, dass die Bank sich über einen neuen Kunden freut? Also, ich hätte mich gefreut, wenn die Bank sich über mich gefreut hätte!

Bis jetzt sieht das leider nicht so aus. Aber lesen Sie selbst:

Phase 1
Ich beantrage das Konto online, fülle brav alle Felder aus und bekomme am Ende die Nachricht, ich müsse jetzt nur noch das PostIdent Verfahren bei der Poststelle meiner Wahl durchführen lassen.

Phase 2
Wie erwartet, geht das PostIdent Verfahren bei der Poststelle meiner Wahl  ganz schnell und ganz freundlich über die Bühne. Ich musste nicht mal Schlange stehen.

Phase 3
Post von meiner neuen Bank! Juchhu! Zu früh gefreut: Ein Herr A. teilt mir mit,  meine Unterschrift im Formular stimme nicht mit der Unterschrift im PostIdent überein.
Naja, kann passieren, wenn man mit Einkaufstaschen beladen am Postschalter unterschreibt. Die Unterschrift von Herrn A. ist übrigens vollkommen unleserlich und fotokopiert.

Phase 4
Ich unterschreibe das Formular erneut und schicke wie gewünscht eine Kopie meines Personalausweises mit: Vorder- und Rückseite einzeln kopiert, beide Blätter eigenhändig unterschrieben.

Phase 5
Post von meiner neuen Bank! Juchhu! Wieder zu früh gefreut: Herr A. teilt mir mit, meine Unterschrift auf Formular und Fotokopien stimme nicht überein mit der auf meinem Personalausweis.
Hallo? Wo bin ich? Bei Verstehen Sie Spaß? Falls es Sie interessiert: Die Unterschrift von Herrn A. ist wieder vollkommen unleserlich und fotokopiert.
Für eine Sekunde überlege ich, auf ein Konto bei dieser Bank zu verzichten und Herrn A. das freundlich mitzuteilen, mit nicht übereinstimmender Unterschrift. Sicherheit ist sicher ein großes Thema in diesen unsicheren Zeiten, aber man kann sicher alles übertreiben.
Dann erinnere ich mich daran, dass gute Gründe für diese Bank sprechen. Also unterschreibe ich im Zeitlupentempo, der Personalausweis liegt vor mir, und ich überprüfe jeden Buchstaben.

Phase 6
Man wird sehen …
Schalten Sie nicht aus oder um, bleiben Sie dran, ignorieren Sie die Werbung und drücken Sie mir die Daumen. Bitte!

UPDATE:
Ich habe jetzt ein Konto. Und eine ec Karte. Und eine Kreditkarte. Geht doch.

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 6. Oktober: Weiter heiter

Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der noch normalen Kaffee trinkt. Am liebsten Filterkaffee. Ein Wort, das viele Starbucks Baristas (ja, die heißen wirklich so) gar nicht mehr kennen. Kaffee, für den man braune Filtertüten in der richtigen Größe braucht, die unten am Falz einmal umgeschlagen werden müssen.

In manchen Cafés gibt es ihn noch. Die Bedienung schaut mich prüfend an, wenn ich welchen bestelle, aber ich bekomme ihn. Im Kännchen.

In meiner Küche steht eine alte Kaffeemaschine. Das leise Zischen, wenn sie das Wasser erhitzt und das Blubbern, wenn der Kaffee in die Glaskanne läuft – das sind Geräusche, die mich glücklich machen.

Meine Oma pflegte ein Stück Zartbitterschokolade in den Filter zu legen. Die andere Oma gab eine Prise Salz in die Kanne. Kann man, muss man aber nicht.

Ganz ehrlich – brauchen wir Kaffee in unzähligen Geschmacksrichtungen wie ausgewogen, nussig, komplex, blumig, karamellig, erdig? Und Getränke wie Iced Americano, Flat White, Pumpkin Spice Latte oder Java Chip Chocolate Cream Frappuccino? Wahlweise mit Mager-, Halbfett-, Voll- oder Sojamilch?

Ich jedenfalls nicht. Diese Fülle der Möglichkeiten erschlägt mich. Wir leben in einer Welt, in der aus einem kleinen Wunsch nach einem Kaffee ein Staatsakt werden kann.

Aber vielleicht werde ich auch einfach alt. Erinnert sich außer mir noch jemand an die Zeit, in der Tchibo ausschließlich Kaffee verkaufte?

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Montag, 28. September: Ausgesprochen sonnig

Der Pubertist hat beschlossen, gesund zu leben.
Ab sofort. Und für immer. Mindestens.
Ok, erstmal bis zu den Weihnachtsferien. Probeweise.
Hm. Bis zu den Herbstferien ist eigentlich auch lang genug.
Naja, sagen wir mal, bis Freitag. Vier ganze Tage!
Also, wenn man’s recht bedenkt: Montag ist kein guter Tag für große Vorsätze. Das weiß doch jeder. Planänderung: Bis zum Schlafengehen.
Oder so.
P.S.: Die Lebkuchen- und Plätzchenstücke sind Deko. Was dachten Sie denn?!

Obstteller

Der Mann mit dem Hut

Jeden Morgen um viertel vor 7 kommt er uns entgegen. Egal, ob die Sonne scheint, ob es regnet, stürmt oder schneit. Immer auf die Minute pünktlich. Sein Gang ist schnell und entschlossen, sein Blick auf den Boden gerichtet.

Die Straße, an deren Rand er läuft, ist nicht für Spaziergänger gemacht. Es gibt kein Licht.  Eine Verbindung zwischen zwei Städten. Dazwischen … nichts. Straße halt.

Der Mann trägt stets einen dunkelroten Anorak, eine dunkle Hose und einen weißen Hut.

Hut
Manchmal
hat er eine Art Aktentasche dabei, meistens aber nichts.

Blass sieht er aus. Und nicht besonders froh.

Wo er wohl hingeht? fragen wir uns.
„Nicht zur Arbeit, dafür ist er zu alt“, sagt der Pubertist.
Nicht einkaufen, denke ich. Hier gibt’s weit und breit kein Geschäft.

Gestern hatte er einen silbernen Koffer dabei.
„Das ist bestimmt ein Geldkoffer!“ Der Pubertist klang aufgeregt.
Warum sollte er mit einem Geldkoffer bei diesem Wetter so früh morgens durch die Dunkelheit laufen?“, fragte ich.
„Oh, man kann nie wissen!“, murmelte der Pubertist. „Das Leben ist voller Geheimnisse.“

In der Tat.

Sehr sonnig am See

Zürichsee
Abendstimmung
am See in der schönsten Stadt der Welt.

Ein junges Paar in lindgrünen Jogginganzügen füttert die Schwäne mit kleinen Stücken Vollkorntoastbrot und fotografiert dabei eifrig.
Auf der Wiese hinter mir übt eine Seniorengruppe in Bhagwan-Orange Tai Chi.
Ein paar Meter daneben lässt ein Backpacker mit Rastazöpfen und Zigarillo seinen riesigen Rucksack ins Gras fallen. Er kramt eine schwarze Plastikschale mit Sushi und eingeschweißte Stäbchen daraus hervor.

Ein Mann im Frack klettert auf die niedrige Mauer am Ufer, zieht ein schneeweißes Tuch aus der Hosentasche und poliert hingebungsvoll seine Schuhe. Dann holt er eine Geige aus seinem Koffer und IMG_0200beginnt zu spielen: La vie en rose. Pretty Woman. Abend wird es wieder. Let it be. Nessun Dorma. Muss i denn zum Städele hinaus. Dancing Queen. Barcarole.
Als die Sonne langsam im See versinkt, spielt er immer noch. Mit geschlossenen Augen. Er sammelt kein Geld. Er spielt einfach nur.

Das letzte Touristenboot fährt mit lautem Tuten in den Hafen ein. Ein leichter Wind trägt das Stimmengewirr der von Bord gehenden Menschen herüber: Englisch. Französisch. Schwyzerdütsch. Italienisch. Spanisch. Japanisch. Russisch.

Das Leben ist bunt. Der Moment kostbar. Diese Stadt ein Fest für die Sinne. Und eins fürs Leben sowieso. Pardon, Hemingway.

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Im Ruhrgebiet bewölkt, in der Toskana sehr sonnig

Kofferpacken für die Ferien
Kind: Mama, wo ist denn dieses große graue Handtuch mit den Punkten?
Mama: Grau mit Punkten? Haben wir nicht.
Kind: Mama! Klar haben wir das. So’n graues mit ganz vielen kleinen Punkten drauf.
Mama: Haben wir nicht.
Kind: Naja, vielleicht ist es auch nicht punktig, sondern viergeeckt.
Mama: Haben wir auch nicht.
Kind: Aber so eins haben wir doch auch in bunt, das musst du doch wissen!
Mama: *ratlos*
Kind: Mensch, Mama! Ich nehm das doch immer zum Duschen!
Mama: Dann musst du doch wissen, wo es ist?!
Kind: Pffffft!

10 Minuten später.
Kind kommt die Treppe heruntergehüpft. „Schau mal, was ich in meinem Zimmer gefunden habe!“
Mama schaut. „Also, für mich ist das beige mit braunem Muster, Schatz.“
Kind inspiziert das Handtuch mit der Leselupe, murmelt etwas und entschwindet. Ohne Handtuch.
„Warum müssen Mütter eigentlich immer alles besser wissen?“
War das jetzt das Kind oder das Handtuch?

P.S.: Egal, welche Farben und welche Muster die Handtücher für den Urlaub haben, um diesen Pool beneide ich mich selbst.

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Draußen ungemütlich, drinnen rosa Wolken

Ich bin verliebt. So richtig. Mit Herzklopfen und tiefen Seufzern und verträumtem Blick. Dabei ist er so gar nicht mein Typ: klein und dunkel. Hätte ich nie gedacht, dass mir sowas mal passiert!

Wenn mein Wecker klingelt, freue ich mich noch im Halbschlaf darüber, dass er da ist. Immer schön, immer elegant. Und das so früh am Morgen!

Er ist völlig außer Konkurrenz. Sieht von beiden Seiten sowas von gut aus. Und tut immer, was frau möchte. Unverzüglich und zuverlässig. Wenn frau es sich andes überlegt, schwenkt er sofort um, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein echter Frauenversteher!

Was habe ich nur so lange ohne ihn gemacht?

Bevor er kam, war mein Leben ziemlich normal mit dem einen oder anderen bunten Tupfer. Heute ist es türkis, leuchtend blau, violett, hellrot oder dunkelrot – was immer ich mir wünsche.

Neugierig auf meinen Neuen? Hier gibt’s aktuelle Fotos.

Ich finde, jede Frau sollte einen haben.

In diesem Sinne: Einen schönen bunten Dienstag!

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 17. Juni: Sonniger geht’s nicht!

8 Monate Vorfreude.
110 km Autobahn.
12.000 Menschen.
1 großartiger Sänger und Songwriter mit einer 12köpfigen Band.
50 Jahre Musikgeschichte.

Neil Diamond

Mit Kind Nummer 3 als Begleitung bin ich nach Köln gefahren, um Neil Diamond, den Grandseigneur der Balladen, live zu sehen. Was für ein Erlebnis! Der Mann ist inzwischen 74 Jahre alt, sein Bariton ist immer noch außergewöhnlich, und er rockt die Lanxess Arena von Anfang bis Ende. Ohne Vorband, mehr als zwei Stunden lang, ohne Pause.

Seine Musik hat mich durch mein ganzes Leben begleitet:
Zu meiner ersten eigenen Jeans gehörte natürlich Forever in Blue Jeans.
Dank I am I said habe ich die schlimmsten Pubertätskrisen überlebt.
Die übermütigen Zeiten im Leben wurden durch Crackling Rosie erst richtig herrlich.
Auf der Suche nach dem Sinn hätte ich mir keine schönere Begleitung wünschen können als die Musik zu Jonathan Livingston Seagull.
Eine Cassette mit Beautiful noise nudelte ständig im Recorder bei meinem Start ins Berufsleben in der Großstadt.
Sich Hals über Kopf verlieben kann nicht schöner sein als zu den Klängen von Longfellow Serenade.
He ain’t heavy, he’s my brother – eine großartige Hymne an die Menschlichkeit.
Song Sung Blue habe ich extra laut gesungen an den trüben Tagen im Leben …
und an den ganz trüben Tagen half früher und hilft heute immer noch diese Passage aus Stones: „Being lost is worth the coming home.“

Kind Nummer 3 ist 19 Jahre alt. Vermutlich, so dachte ich, wird er der einzige junge Mensch in der Halle sein. Weit gefehlt! Viele Mütter waren mit ihrem erwachsenen Nachwuchs gekommen. Zwar konnte der nicht jedes Wort der Songtexte lauthals mitsingen, wie die meisten Mütter, sah aber trotzdem aus, als hätte er jede Menge Spaß.

Tatsächlich haben die Zuhörer die meiste Zeit über gestanden bzw. getanzt, gesungen und geklatscht. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so eine wunderbare Stimmung bei einem Konzert erlebt habe – und ich war auf vielen schönen Konzerten.

Bei Sweet Caroline explodierte die ohnehin schon großartige Simmung in der Lanxess Arena in einem Feuerwerk aus Lebensfreude. Jedesmal, wenn der Song sich dem Ende näherte, skandierten die Zuhörer den Refrain, und Neil Diamond  begann von vorn – sichtlich gerührt von der großen Sympathie, die sein Publikum ihm entgegen brachte.

Good times never feel so good, lautet eine Zeile von Sweet Caroline.
O doch! Good times feel very very good! Hier gibt’s einen kleinen Einblick, mit Untertönen eines begeisterten Fans. 🙂

Was bin ich für ein Glückskind, mit so großartiger Musik aufgewachsen zu sein!
Ich verbeuge mich vor Neil Diamond.